Über mich » Über die Erzählkunst

Erzählen ist dann eine Kunst, wenn der Erzähler nach der adäquaten Form für die Geschichte sucht, darum ringt und daran arbeitet, seine ureigene Art und Weise des Erzählens zu finden. Es gibt so viele Arten und Weisen zu erzählen, wie es Erzähler gibt, und die Kunst ist es, seine persönliche Art zu finden. Dabei liegt es im Wesen des Erzählens, dass das Besondere daran die Reduktion ist, „die Kunst, kunstlos zu erzählen“, wie es meine geschätzte Lehrerin Professor Kristin Wardetzky von Berlin einmal formuliert hat. Denn die Grundlage des Erzählens ist die Sprache, sie ist für den Erzähler der Ursprung. Der Erzähler ist angefüllt von der Sprache, sie erfüllt die Gedanken, die Seele, den Körper. Und er sucht nach einer Form, diese Sprache Gestalt annehmen zu lassen, durch seinen Körper, seine Mimik, seine Gestik, seine Stimme, seine Emotionen, seine eigenen inneren Bilder und vielleicht noch mit anderen Mitteln, einem Material vielleicht oder einer Figur. Dabei dient jedes dieser Mittel einzig und allein dem Transport der Geschichte und soll beim Zuhörer einen Assoziationsraum öffnen, damit die Geschichte noch eine weitere Dimension im Kopf und im inneren Auge des Zuschauers bekommt.

Eine guter Erzähler schafft es, die Zuschauer so in den Bann zu ziehen, dass diese komplett in die Geschichte einsteigen. Dabei geschieht etwas Paradoxes: Das Publikum sieht den Erzähler, folgt seiner Mimik und Gestik und gleichzeitig hat der Zuschauer genügend Freiräume, um im eigenen Kopf vor dem inneren Auge seine persönlichen Bilder zu der Geschichte zu schaffen. Parallel zum Geschehen auf der Bühne läuft dann bei jedem Zuschauer noch ein eigener Film zu der Geschichte im Kopf ab.

Denn das ist der zweite Aspekt dieser Kunst: Die Erzählkunst ist eine besonders publikumsbezogene Kunst. Ohne den Zuschauer gibt es kein Erzählen. Kunst ist es dann, wenn der Zuschauer durch die Kunst des Erzählers selbst kreativ wird. Denn die Kunst hat für mich auch immer mit dem Empfänger zu tun. Kunst erreicht Empfänger – vielleicht nur ein paar, aber es muss immer Menschen geben, die davon in irgendeiner Art und Weise bewegt werden.